8 Fragen an ... Katrin Wehr

Bei vielen bleibt es beim Träumen vom «irgendwann einmal auswandern»; ein Ehepaar in Thüringen lässt Labortechnik-Firma und Buchführungsbüro zurück, um mit den Söhnen im Värmland ein neues Leben aufzubauen. Ist der schwedische Markt bereit für Blockhäuser? Ein Abenteuer mit Nebenwirkungen.

Frau Wehr, Sie haben, wie Sie schreiben, «nicht einmal» einen Auswanderer-Ratgeber gelesen: Hätten Sie sich, im Rückblick auf Ihre ersten Schweden-Jahre, anders vorbereiten können auf das neue Land?

Katrin Wehr

Die Frage ist: Was hat man für Möglichkeiten? In jedem Fall ist es ein Sprung ins kalte Wasser, egal, wie viel man vorher gelesen hat. Man weiß nicht, welche Schwierigkeiten es geben kann, also weiß man auch nicht, worauf genau man sich vorzubereiten hat. Auch viele Urlaube im Voraus ändern nichts daran, dass wir in den Alltag noch nicht hineinriechen konnten. Der Teufel steckt im Detail, wie der Leser anhand der verschiedenen Episoden in meinem Buch erkennen kann.

Grundlagen der schwedischen Sprache kann man sich zwar in der Volkshochschule aneignen, was bestimmt auch sinnvoll ist. Richtig schwedisch sprechen lernt man aber nur im Land. Es kann auch passieren, dass man dann, wie wir, in eine Gegend kommt, in der stark Dialekt gesprochen wird - dann fängt man fast wieder bei Null an.

Über grundlegende bürokratische Regelungen, was z. B. Aufenthaltserlaubnis, Firmengründung oder Grundstückskauf betrifft, hatten wir uns vorher über das Internet informiert. In einigen Foren habe ich zwar viel über die Erfahrungen anderer nachgelesen, was teils hilfreich ist; aber das sind deren Erfahrungen, nicht die eigenen. Nein, ich denke, wir hätten uns nicht anders vorbereiten können.

Ihr Traum, Ferienhäuser auf Ihrem ersten gekauften Grundstück zu bauen, war geplatzt, da sie keine Baugenehmigung erhielten. Für eine Zeit lang waren Ihre beruflichen Pläne in Gefahr. Würden Sie sich heute stärker absichern bei der Planung?

Die Baugenehmigung war ja erteilt worden, von der Baubehörde. Insofern dachten wir, genug abgesichert gewesen zu sein. Allerdings wurde sie durch einen Nachbarn angefochten. Seine Strategie, die langen Bearbeitungszeiten auf dem Klageweg durch mehrere Instanzen für sich auszunutzen in der Ahnung, dass er uns damit zum Aufgeben des Projektes «Hara» zwingt, konnten wir nicht vorhersehen. So genau hatten wir das Verwaltungsrecht nicht studiert.

Heute wissen wir, dass es richtiger gewesen wäre, das Projekt im Voraus mit den Anliegern zu besprechen. In diesem Punkt, was die Akzeptanz der Nachbarschaft betrifft, würden wir uns heute stärker absichern, da wir die Erfahrung gemacht haben, welch weitreichende Möglichkeiten sie haben, ein Anwohnerprojekt zu blockieren. Praktisch war es uns zeitlich kaum möglich, diesen Aspekt von Deutschland aus mitzuregeln - neben Job, Hausverkauf und Vorbereitung der Auswanderung an sich.

Einmal sind Sie Ihrem Grundstücksverkäufer im Gespräch zu direkt begegnet: In welchen Situationen im schwedischen Alltag hat Ihnen ihre deutsche Art zu denken und handeln eher geholfen?

(Überlegt länger) Mir fällt keine Situation ein. Wenn man in Schweden lebt, stresst es eher, hektisch deutsch zu denken, da dann die Ruhe und Gelassenheit dieser Menschen nervt. Besonders fällt mir das auf, wenn ich in einer Warteschlange an der Supermarktkasse stehe, welche immer länger und länger wird, die die Kassiererin aber nicht an einem kleinen Plausch mit dem Kunden hindert. Es kam auch schon vor, dass derjenige, der mit Bezahlen an der Reihe war, kurz vorher noch ein ausführliches Telefonat erledigen musste. Ich stelle dann jedes Mal fest, dass ich die Einzige in der Schlange bin, die das zu stören scheint.

Direkte Kritik habe ich mir besser abgewöhnt. Sie kommt wirklich nicht gut an und was noch schlimmer ist, sie ändert gar nichts. Ich glaube, kein Schwede lässt sich davon beeindrucken. Man diskutiert, freundlich, respektvoll und so lange, bis alle einer Meinung sind.

Wohl oder übel gilt hier, wie bestimmt in vielen anderen Ländern auch: anpassen. «Deutsche Eigenschaften», welche das auch immer sein mögen, nutzen einem nichts. Schwedisch denken lernen - das hilft.

Welches sind die drei wichtigsten persönlichen Anforderungen, die ein Auswanderer mitbringen muss, wenn er aufs schwedische Land zieht?

Uns hat sehr geholfen, dass wir meistens in der Lage waren bzw. sind, uns selbst zu helfen, gerade, was das Handwerkliche betrifft. Auf hiesige Firmen angewiesen zu sein, kann teuer und zeitaufwändig werden.

Die große Liebe zur Natur war für uns ein zweiter wichtiger Punkt. Aus ihr schöpfen wir viel Kraft und sie erleichtert den Kompromiss zu langen Wegstrecken, die wir oft zurücklegen müssen.

Der drittwichtigste Punkt für mich ist die Fähigkeit, mit sich selbst als Familie bzw. in der Partnerschaft allein sein zu können, nicht ständig Menschen um sich herum zu brauchen; sie sind hier nämlich nicht an jeder Ecke und jederzeit verfügbar.

Die Aktivitäten Ihrer Kinder haben Ihnen geholfen, freundschaftliche Beziehungen aufzubauen. Welche Möglichkeiten haben Auswanderer ohne Kinder?

Da gibt es viele Möglichkeiten: Das Vereinsleben ist stark ausgeprägt auf den unterschiedlichsten Interessengebieten, sei es Handarbeit, Hundesport, Chor oder vieles andere mehr. Kurse werden auch durch Abf, die hiesige Volkshochschule angeboten: von Sprachkursen bis zu Säge- oder Imkereikursen.

Die Schweden verschließen sich nicht gegenüber Ausländern, so meine Erfahrung. Mit dem Klischee des muffigen, wortkargen und unnahbaren Schweden wollte ich auch aufräumen in meinem Buch. Ich denke, hier wird ihnen Unrecht getan. Sie plaudern gerne und freuen sich über neue Kontakte, deshalb sollten Neulinge nicht zu viel Furcht haben, auf sie zuzugehen. Nur weil die Schweden hier etwas zurückhaltender sind, heißt das nicht, dass sie nicht interessiert sind an anderen Menschen.

In welchen Situationen haben Sie festgestellt, dass sich alte Freunde von Ihrem neuen Leben innerlich entfernt haben?

Bei Besuchen in der alten Heimat merkte ich das in Gesprächen, aber eher umgekehrt. Wir konnten oft mit den Themen, die die Bekannten und Freunde aus dem «alten Leben» beschäftigen, die sie für wichtig hielten, nichts mehr anfangen. Bestimmt beruhte das auch auf Gegenseitigkeit. Auch, wenn ich auf meine anfangs ausführlichen eMail-Schilderungen dessen, was uns so widerfahren war, keine Antwort mehr bekam, war das ein innerer Abschied von einigen Freunden oder Bekannten. Ja, sie hatten auch ihren Alltag und ihre eigenen Probleme. Es fehlten nach und nach gemeinsame Themen.

Ich denke, die wirklichen Freundschaften haben es ausgehalten bis heute, oberflächlichere eben nicht. So hat sich gewissermaßen auch die Spreu vom Weizen getrennt, was gut war und zu neuen Erkenntnissen geführt hat.

Woran werden Sie sich in Schweden auch nach Jahren nicht gewöhnen können?

An süßen Senf, dass fast jedes Gebäck oder sogar der Fisch mit Zimt gewürzt ist, die Zeit von November bis Januar, in der die Tage so schrecklich kurz sind und die Tatsache, dass, wenn es z. B. heißt, «um 17:00 Uhr beginnt das Fußballtraining» (oder andere Veranstaltungen), ich zu spät bin, wenn ich um 17:00 Uhr da bin. Das werde ich wohl nie verstehen.

Ihre ursprüngliche Geschäftsidee war, selbstgebaute Blockhäuser im Värmland zu verkaufen. Heute bieten Sie Blockhausbau-Kurse an. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Entwicklung?

Sehr zufrieden. Diese Idee war, glaube ich, eine unserer besten. Damit können wir uns vom hiesigen Auftragsangebot unabhängiger machen und wir haben mehr Planungssicherheit. Unser Leben ist etwas entspannter geworden. Wir müssen uns nicht mehr von einem zum nächsten Auftrag hangeln, sondern wissen bereits im Dezember/Januar ungefähr, wie viele Kursbuchungen es im Frühjahr gibt. Die Kurse machen einen Riesenspaß und die Nachfrage ist überraschend groß. Wir lernen interessante Menschen mit all ihren Geschichten kennen. Eine fantastische Zeit. Dabei sind wir auch körperlich etwas entlastet. Wir werden ja auch nicht jünger.

Natürlich sind wir nicht am Ende unserer Entwicklung. Das ist gut so. Das Schönste an unserem Leben ist, dass wir nie festgefahren sind, sondern immer die Möglichkeit haben, Neues auszuprobieren, weiter zu spinnen.

Wer weiß, was uns noch so alles einfällt?