Als Arzt nach Schweden: «Allerwärmstens empfohlen!»

Im Jahre 1999 habe ich Deutschland verlassen und bin seither als Arzt in Schweden tätig. Die aus meiner Sicht unerträglichen Zustände an deutschen Krankenhäusern sowie die in weiten Teilen fehlende Kollegialität in der deutschen Ärzteschaft haben mich zu diesem Schritt veranlasst, den ich bislang in keiner Weise bereuen musste. Aufgrund des in Schweden noch immer vorherrschenden Ärztemangels in nahezu allen Fachbereichen und den im Vergleich zu Deutschland vorbildlichen Arbeitsbedingungen denke ich, dass dies für einige Kollegen und Kolleginnen durchaus von Interesse ist und möchte daher mit diesem kurzen Bericht meine Eindrücke schildern.

Von Dr. med. Johannes von Rosen

Ausbildung

Die Ausbildung beginnt wie in Deutschland an der Universität (insgesamt sechs in ganz Schweden), die Studienzeit beträgt fünfeinhalb Jahre. An das Studium schließt sich eine dem AiP entsprechende Ausbildungsphase, das sog. AT (allmän tjänstgöring) an, welches i.d.R. 18 Monate dauert. Gegenüber dem deutschen AiP hat man den Vorteil, dass man nicht als billige Arbeitskraft ausgebeutet wird, sondern eine fundierte Ausbildung bekommt. Diese erfolgt jeweils während mehrerer Monate auf inneren, chirurgischen und psychiatrischen Abteilungen (sowie mitunter deren Subspezialitäten, z.B. Orthopädie) und im allgemeinmedizinischen Bereich. Man bewirbt sich um einen gesamten Block, wobei man sich dann um die Organisation und Aufteilung nicht zu kümmern braucht, da dies Aufgabe des Arbeitgebers ist. Während der AT-Periode hat man nur eine eingeschränkte Approbation.

Nach Abschluss des AT und Erhalt der legitimation bewirbt man sich – seinen Interessen folgend – auf eine Weiterbildungsstelle (ST specialiserings tjänstgöring) bzw. arbeitet als leg. läkare beispielsweise als Vertretung in zeitlich begrenzten Anstellungen. Die Weiterbildung dauert für alle Fachrichtungen ungefähr fünf Jahre, genaue Grenzen gibt es nicht. Der für die Weiterbildung zuständige Leiter der Abteilung/Klinik stellt fest, wann der Zeitpunkt erreicht ist, an welchem der Arzt den notwendigen Kenntnisstand und die praktischen Fähigkeiten erreicht hat, um die Facharztanerkennung (specialistkompetens) zu beantragen. Voraussetzung dafür ist u.a. die Teilnahme an verschiedenen Kursen, die der Weiterbildung dienen (sollen). Eine Facharztprüfung ist (noch) nicht vorgesehen, kann aber freiwillig abgelegt werden (manche Abteilungen «erwarten» dies).

Nach Erhalt der specialistkompetens ist man specialistläkare und bildet sich in seinem Interessengebiet weiter, um nach einiger Zeit överläkare zu werden und ein Spezialgebiet in seiner Abteilung zu betreuen. Und wem es dann noch nicht reicht, der kann sich auch noch zum chefsöverläkare (Chefarzt) benennen lassen, wobei anzumerken bleibt, dass eine Klinik/Abteilung nicht unbedingt von einem Arzt geleitet werden muss!

Die Vorteile gegenüber einer Ausbildung in Deutschland (gemeint ist Weiterbildung; die Redaktion) liegen hauptsächlich darin, dass die Abteilung, also der Arbeitgeber, für die Ausbildung verantwortlich ist. Das beinhaltet bezahlten Urlaub für die Kurse, Kursgebühren und alle weiteren anfallenden Auslagen werden selbstverständlich übernommen. Es gibt ständig irgendwelche Kurse, Treffen, Vorträge etc. Eigenes Engagement wird stark unterstützt, ebenso fachübergreifendes Interesse.

Ein weiterer Vorteil dieses Systems ist, dass im Gegensatz zu Deutschland, menschlich ungeeignete Chefärzte quasi nicht vorkommen.

Arbeitsbedingungen

Empfangsbereich © Södra Älvsborgs Krankenhaus, Borås (2)

In Schweden gibt es im Wesentlichen zwei Formen der Anstellung, tillsvidare und visstids. Bei ersterer Art, bei weitem die häufigste, erhält man einen unbefristeten Vertrag auf Lebenszeit. Probezeit ist hier unüblich. Visstids anställningar gibt es i.d.R. nur als Vertretungsstellen (vikariat) oder an Unikliniken. Das bedeutet also, das man seinen Weiterbildungsweg in Ruhe und ohne Druck und Angst beschreiten kann. Unterbrechungen sind jederzeit möglich (z.B. Erziehungsurlaub, auch für Männer).

Überstunden fallen, wenn überhaupt, nur im überschaubaren Rahmen an und werden normalerweise durch Freizeitausgleich kompensiert. Erwartet werden diese nicht, im Gegenteil: länger bleiben löst meist Verwunderung im gesamten Kollegium aus.

Urlaubsanspruch besteht in angemessener Form, beispielsweise hat man das Recht auf vier Wochen zusammenhängenden Urlaub in den Sommermonaten, zusätzlich o.g. Erziehungsurlaub (bis zur Einschulung des Kindes möglich), sowie das Recht, bei seinem kranken Kind zu Hause zu bleiben (und wenn es das ganze Jahr dauert!). So etwas wird auch niemandem krumm genommen und man wird auch nicht als «Drückeberger» angesehen.

Aufgrund der verhältnismäßig großzügigen Personaldecke an schwedischen Krankenhäusern hält sich die Anzahl der Bereitschaftsdienste im vertretbaren Rahmen. Aufgrund der ausgezeichneten Ausbildung der schwedischen Krankenschwestern (ist hier ein Hochschulabschluss) werden viele der einfacheren Tätigkeiten, so z.B. Blutentnahmen, von diesen übernommen (wie überhaupt in so vielen Ländern).

Im Gegensatz zu Arbeitsverhältnissen in anderen Ländern gibt es in Schweden kein festgelegtes Einkommen, sondern nur einen empfohlenen Bereich, in welchem sich der Betrag bewegen sollte. Das persönliche Einkommen ist vor Einstellung mit dem Arbeitgeber auszuhandeln und sollte die Qualifikationen des Angestellten angemessen berücksichtigen.

Lebensbedingungen

Schweden ist trotz aller Veränderungen der letzten Jahre ein Sozialstaat. Dies spiegelt sich tagtäglich im Alltag wider. Beginnend bei freier Heilfürsorge, Platz in der Kinderkrippe ab 1. Lebensjahr und nachfolgend im Kindergarten (mit angemessener Gruppengröße) und freiem Recht auf Bildung. So hat beispielsweise jeder Neuankömmling ein Recht auf einen Sprachkurs. Das Preisniveau liegt möglicherweise noch immer etwas höher als in Deutschland, die Immobilienpreise sind, außer in den Großstädten, deutlich niedriger. Der Lebensstandard liegt, verglichen mit Deutschland, auf höherem Niveau.

Allen, die schon einmal in Skandinavien Urlaub gemacht haben, ist sicherlich die unvergleichliche Natur in Erinnerung geblieben. Man sollte bedenken: knapp 9 Mio. Schweden verteilen sich auf eine Fläche, etwa 1,5 mal größer als die Bundesrepublik. Entsprechend ausreichend Platz für die Menschen gibt es hier. Schweden ist ein sehr kinderfreundliches Land, Kinder sind überall gerne gesehen und akzeptiert, sogar abends im Restaurant. Rauchen ist generell verpönt, Alkohol unverhältnismäßig teuer. Alle Schweden reden sich ausschließlich mit Vornamen an (der König und seine Familie ausgenommen, sollte man diese einmal treffen). Daher herrscht hier auch eine sehr angenehme Atmosphäre und der Umgang miteinander ist freundlich.

Die Belastung durch Steuern ist nicht so hoch wie allgemein angenommen, besonders, wenn man berücksichtigt, dass die Sozialabgaben bereits mit eingeschlossen sind. Summa summarum bleibt genügend zum Leben.

Als Ausländer ist man hier vollkommen akzeptiert, besonders, wenn man sich Mühe gibt, Schwedisch zu sprechen.

Sonstiges

Die schwedische Ärzteschaft ist im wesentlichen in zwei Standesorganisationen, läkarsällskapet (mit wissenschaftlich und ausbildungsorientierter Ausrichtung) sowie läkarförbundet (gewerkschaftliche Interessenvereinigung) gegliedert, wobei die jeweilige Mitgliedschaft freiwillig ist. Zwangsmitgliedschaft wie in Deutschland gibt es zum Glück nicht. Die meisten Kollegen sind dennoch Mitglieder in mindestens einer dieser Organisationen. Zudem sind noch die einzelnen Fachbereiche mit ihren eigenen Vereinigungen und Organisationen vertreten.

Erfolgreiche Promotion ist für eine Bewerbung nicht erforderlich. Wissenschaftliches Interesse wird gern gesehen und gefördert, aber nicht erwartet. Da man sich hier sowieso nur mit Vornamen anredet, sind Titel unbedeutend.

Die meisten schwedischen Ärzte arbeiten als Angestellte der sog. landstinge, welche die regionalen Gesundheitsbehörden repräsentieren, wobei in den letzten Jahren auch zunehmend private Krankenhausträger erschienen sind. Die Arbeitsbedingungen sind bei beiden relativ identisch. Im hiesigen Primärarztsystem sind die Allgemeinärzte in ihren Zentralen ebenfalls bei der Gesundheitsbehörde angestellt. Nach den neueren Bestimmungen im Gesundheitswesen, in Übereinstimmung mit den EU-Richtlinien und der entsprechenden Rechtsprechung, ist es jedoch inzwischen möglich, sich in eigener Praxis niederzulassen und freiberuflich tätig zu sein, wobei jedoch einige bürokratische Hürden zu nehmen sind.

Eine weitere Möglichkeit der ärztlichen Tätigkeit besteht darin, eine eigene Firma zu gründen und sich selbst an Kliniken oder Arztzentralen zu «vermieten». Dies wird gerne gemacht, da der Verdienst ungleich größer ist als bei fester Anstellung. Die momentane Stellensituation garantiert nahezu allzeit eine Anstellung. Vermittlungsunternehmen gibt es reichlich.

Voraussetzung für eine ärztliche Tätigkeit in Schweden ist die schwedische Approbation (legitimation), welche man auf Antrag erhält, wenn man EU/EWR-Bürger ist und die Approbation eines Mitgliedlandes besitzt. Facharztausbildungen werden jedoch nicht immer uneingeschränkt anerkannt! Dies trifft insbesondere zu für Allgemeinmediziner oder Facharztausbildungen, denen ein entsprechendes schwedisches Pendant fehlt. In einem solchen Fall wird, nach Bewertung der bereits absolvierten Ausbildung, meistens eine Komplettierung verlangt, deren Dauer vom notwendigen Umfang abhängig ist. Schwedische Sprachkenntnisse sind natürlich von Vorteil, jedoch nicht Bedingung. Viele potentielle Arbeitgeber vermitteln auch vor Arbeitsantritt einen Schnell-Sprachkurs.

Die Ausstattung der medizinischen Einrichtungen ist auf sehr hohem Niveau, die Ausbildung des Personals ausgezeichnet, wenngleich mit einer Tendenz zum Theoretischen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es viele eindeutige Vorteile gegenüber den Bedingungen in Deutschland gibt, jedoch eigentlich keine wesentlichen Nachteile, wenn man mal von den Bierpreisen absieht. Generell ist die Stellensituation in allen Fachbereichen günstig, wobei Psychiatrie und Allgemeinmedizin den höchsten Bedarf haben. Je mehr Qualifikationen man bereits hat, desto «gesuchter» ist man eigentlich auch, vorausgesetzt, diese Qualifikation wird auf der entsprechenden Stelle benötigt. Aber auch Ärzte in Weiterbildung sind gesucht. Kleinere Orte sind bei den Schweden weniger attraktiv, an grösseren Kliniken ist der Personaldurchsatz höher.

Ich kann eine Anstellung in Schweden allen Kolleginnen und Kollegen, die mit der Situation in Deutschland unzufrieden sind, nur allerwärmstens empfehlen.

© Marburger Bund