«Man muss die Leute einbinden»

Eine der angenehmeren Varianten, Auslandserfahrung zu sammeln, ist die Entsendung durch seinen Arbeitgeber. Sie spart Zeit und Aufwand bei der Vorbereitung.

Dabei ging es dem Betriebswirt Gerrit Iseler (36) aus Hannover gar nicht darum, Neuland zu entdecken; mit 19 Jahren war er zum Zivildienst nach Nordspanien gegangen und hatte dort seine heutige Frau kennengelernt. Später, zurück in Deutschland, bot ihm sein Arbeitgeber, ein international tätiges Industrieunternehmen, eine attraktive Stelle als Financial & HR Manager für die schwedische Vertriebsgesellschaft in Göteborg an, befristet auf drei Jahre. Schweden als Zielland sei bei der Karriereplanung «mehr oder weniger Zufall» gewesen.

Ein richtiges Bild habe er von Nordeuropas grösstem nicht Land gehabt, erzählt Gerrit. Er habe auch bewusst vermieden, sich durch intensive Vorbereitung ein «künstliches Bild» zu machen; lediglich ein Buch habe er zum Thema gelesen. Aus seiner Zeit in Spanien wusste er, dass es wichtig ist, die Kultur im neuen Land zu beobachten, um zu sehen, wie die Dinge funktionieren – man könne nicht einfach so weiter arbeiten wie bisher.

Hier konnte gemietet werden

Die Vorbereitungsphase vor dem Umzug gestaltete sich komfortabel: eine Relocation-Agentur traf eine Vorauswahl von Wohnobjekten, die die Wünsche der jungen Familie berücksichtigte; Gerrit konnte an einem Tag sechs Immobilien besichtigen und sich direkt für eine von ihnen entscheiden.
Die Agentur half auch bei der Schulwahl und bei Fragen, die das Skatteverket (Finanzamt) und die für vieles unverzichtbare Person(en)nummer betrafen – mithin eine nicht zu unterschätzende Hilfe.

Die drei Monate von der Vertragsunterzeichnung in der Konzernzentrale bis zum Dienstantritt am neuen Wohnort gestalteten sich dank der professionellen Hilfe vor Ort als entspannt. Erleichternd kam hinzu, dass Gerrits Eltern sich über die Wohnortwahl freuen konnten – sie hatten damit einen Grund, Schweden zu besuchen und familiäre Kontakte zu pflegen.

Die erste Zeit am neuen Arbeitsplatz unweit des Fähranlegers am Masthuggskajen gestaltete sich als intensiv und Kraft raubend: zu der fachlichen Einarbeitung, die vor Ort und zusätzlich in der deutschen Konzernzentrale stattfand, kamen das neue Umfeld und die neuen Kollegen. Dazu kam der eigene Anspruch, sich möglichst schnell zu integrieren: nach drei Monaten bat Gerrit seine Mitarbeiter, nach Möglichkeit ausschliesslich Schwedisch mit ihm  zu sprechen – nicht zuletzt wollte er wissen, «was im Unternehmen wirklich passiert».

90 Minuten Sprachunterricht pro Woche und die Fähigkeit, bereits drei Sprachen – Deutsch, Englisch und Spanisch – zu sprechen, erleichterten das ambitionierte Vorhaben, das auch für die Mitarbeiter anfänglich eine Herausforderung darstellte. Grundsätzlich sei Schwedisch indes eine einfach zu lernende Sprache: sie bestehe zu 1/3 aus Englisch, 1/3 Deutsch und 1/3 «was anderem».

Wodurch zeichnet sich die Arbeitskultur aus?

Formal sei er zwar Vorgesetzter, aber das Gewicht der Abteilung sei grösser; man könne nicht einfach Anordnungen verfügen. Die Mitarbeiter erwarteten, eingebunden zu werden, und sie würden es nur in begründeten Einzelfällen akzeptieren, eine Anweisung entgegen zu nehmen, z.B. wenn der Jahresabschluss bevorstünde und Zeitdruck bestehe.

Ist das positiv? Gerrit skizziert Auswirkungen seines veränderten Arbeitsalltages: er sei weniger gestresst und ruhiger geworden. Die «Grundruhe der Schweden» nimmt er als wohltuend wahr. Im Vergleich zu seinem schwedischen Team würde er zwar mehr arbeiten, aber immer noch weniger als vorher in Deutschland.

Positiv sei auch, dass man vor, während und nach der Arbeit Sport machen könne; es sei deutlich mehr akzeptiert, auch ein Leben neben dem Beruf zu haben. Angenehm findet Gerrit auch, dass man in der Mittagspause in der Regel nicht über die Arbeit rede – Ruhepunkte während des Arbeitsalltags, in denen er kurz abschalten könne, um wieder Energie zu tanken.

Mit der Fähre ins Büro

Die Wochenenden werden eingeleitet durch eine verlängerte Fika am Arbeitsplatz: reihum bringt einer der Kollegen etwas Süsses zum Kaffee mit, gerne auch selbst gebackenes. Wenn Gerrit nicht mit seinem Auto nach Hause führe, könnte er vorne am Anleger auf die Fähre steigen und die zwei Stationen bis hinüber nach Lindholmen Sonne auf dem Oberdeck tanken.

Zu Hause freuen sich seine Frau Teresa und Töchterchen Sophia auf ihn: vielleicht machen sie heute einen Ausflug zum nah gelegenen Strand oder fangen Krebse. Die lassen sich mit einer Wäscheklammer und einer Schnur angeln – und vorne dran hängt ein Stück Salami.

Schweden erleben:
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