«Die Leute erwarten Authentizität von uns»
Klaus-Peter Kappest im schwedenerleben-Interview
Wer sich über Schweden informieren möchte, kann eine breite Palette von Möglichkeiten nutzen, um seinen Horizont zu erweitern. Vergleichsweise selten genutzt wird hierzu der Besuch einer modernen Dia-Multivisionsschau mit Breitbild-Leinwand und musikalischer Untermalung – gerade jungen Leuten fehlt hierzu häufig der Bezug.
Kurz vor einer seiner Veranstaltungen an der deutsch-Schweizer Grenze trafen wir den gut gelaunten Fotografen Hans-Peter Kappest, der seit über 20 Jahren die nordischen Länder bereist und neben einem vielseitigen Blick für gute Motive über oft langjährige Kontakte mit Nordländern verfügt.
Herr Kappest, warum ist Schweden für Deutsche, Österreicher und Schweizer attraktiv?
Schweden ist ein Land der Sehnsüchte; für mich ist es attraktiv wegen des Lichtes, das im Norden aussergewöhnlich schön ist. Für die meisten Reisenden ist es eher eine bewusste Gegenbewegung zum technisierten Alltag. Wir in der Mitte Europas haben in der Regel einen beruflichen Alltag, der extrem von Technik dominiert ist; man sitzt fast nur noch vor dem Computer, egal was man tut. Nur wenige Menschen haben dieses Glück, in ihrem Alltag mit Natur zu tun zu haben.
In ihrer Freizeit wollen sie dann Natur in ihrer möglichst authentischen, reinen Formen erleben. Und wenn man sich in Europa umschaut, dann kann man entweder in die Alpen steigen oder irgendwelche einsamen Strände aufsuchen – oder man bewegt sich nach Norden. Und der Norden ist neben den Alpen die ersten Destination, die einem einfällt, wenn man an unverfälschte Natur und das reine Genießen von Natur denkt.
Wer geht heutzutage in eine Dia-Multivisionsschau?
Das Publikum setzt sich aus mehreren Gruppen zusammen: da sind einmal die Fotointeressierten, klassisches Leica-Klientel: sie gehen dahin, weil es eine Leicavision ist, und sie wissen, dass sie dort gute Fotos sehen. Welches Thema da kommt, ist ihnen völlig «wurscht». Das sind vielleicht 10 Prozent.
Der grösste Teil der Besucher sind Menschen, die sich in irgendeiner Weise für das Land interessieren. Das kann sein, dass sie konkret einen Urlaub planen und von dem Referenten erwarten, dass er ihnen Insidertipps, authentische und unverfälschte Informationen über das Land gibt.
Und dann gibt es die, die zu den eingefleischten Skandinavien-Fans gehören, die einfach nur dahin kommen, weil es irgend’was mit Skandinavien zu tun hat. Sie planen keine Reise, aber sind einfach schon von den Farben gelb und blau auf dem Plakat angezogen und saugen alles auf, was mit Schweden zu tun hat.
Welche Publikumsfragen hören Sie am häufigsten?
Die häufigste Frage kam bisher von Hobby-Fotografen: welches Filmmaterial verwenden Sie? Da hatte ich aber das Gefühl, dass das ein Vorwand war, um mit dem Referenten in Kontakt zu kommen. Das ist jetzt ärgerlich, dass ihnen die Digitalisierung diese Frage abgeschnitten hat.
Bei den Inhalten kommt am häufigsten die Frage, welche Jahreszeit die schönste sei, um in diese oder jene Region des Landes zu fahren. Oder auch – was unmöglich zu beantworten ist – welches die schönste Jahreszeit wäre, um nach Skandinavien zu fahren.
Am zweithäufigsten wird gefragt, wo ich bei meinen Reisen eigentlich übernachte. Das brennt den Besuchern wirklich «unter den Nägeln».
An dritter Stelle sind das dann Fragen von jungen Menschen – Teenager, Abiturienten, Studenten oder aus diesem Umfeld – die wissen wollen, ob und wie man nach Schweden ziehen oder dort ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bzw. ein Auslandssemester verbringen könne. Interessant ist für sie auch zu erfahren, welche Berufe im Norden gesucht werden.
Und dann gibt es «haufenweise» ganz individuelle Fragen.
Könnten Sie ein Beispiel nennen für eine als klug wahrgenommene Frage?
Neulich fragte mich mal jemand, wie das denn genau sei mit dem Jedermannsrecht und dem Wohnmobil, was auch in den Zeitungen in Skandinavien ein intensiv diskutiertes Thema ist. Für jemand, der noch nie dort gewesen ist, fand ich es interessant, dass sich darüber jemand Gedanken gemacht hat.
Wie viele Wochen pro Jahr verbringen Sie im Schnitt in Nordeuropa?
Insgesamt verbringe ich drei Monate im Norden; wie viel davon auf jedes Land entfällt, das ist ganz unterschiedlich. Allgemein bin ich einmal im Jahr in jeder Region, um zu sehen, was sich so verändert hat.
Wenn ich ungebunden sein möchte und dem für das Fotografieren günstigen Wetter folge, bin ich idealer Weise mit dem Wohnmobil unterwegs, weil ich dann nichts vorbestellen muss; im Winter fliege ich und nehme mir einen Mietwagen vor Ort.
Wenn ich weiss, dass ich an bestimmte Punkte fahre und jemanden kenne, bei dem ich übernachte oder eine Auftragsfotografie habe, dann fahre ich mit dem eigenen Pkw.
Sie haben Bildbände über Finnland, Norwegen und Schweden veröffentlicht: wohin besteht emotional die größte Nähe?
Über Norwegen bin ich eingestiegen in die nordische Welt. Heute muss ich ganz klar sagen, dass es Finnland ist – zu meiner anfangs eigenen, ganz großen Überraschung. Als ich das erste Mal in Finnland war, konnte ich mich damit überhaupt nicht anfreunden – das war nicht meine Welt. Das war aber sehr subjektiv und ließ sich nicht an bestimmten Eigenschaften des Landes festmachen. Dann kam aber ein Finnland-Projekt, wo Auftragsarbeit und eigene Interessen perfekt zusammen passten; dort bin ich überall auf ganz besonders angenehme Menschen gestoßen und habe überall «offene Türen eingerannt».
Norwegen und Schweden sind ja Länder, die schon lange von Reisejournalisten und Menschen heimgesucht werden, die irgendwie die Werbetrommel für das Land rühren. Finnland fühlt sich – durchaus auch zu Recht – ein bisschen abgehängt von Deutschland und so waren natürlich alle besonders begeistert, dass ich da auftauchte. Ich wurde besonders herzlich empfangen, habe dort wirklich langfristige Beziehungen geknüpft und es sind sogar Freundschaften daraus entstanden.
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