Interview Klaus-Peter Kappest | Seite 2
Was war die längste Zeit, in der Sie für ein Motiv in Lauerstellung gelegen oder gestanden haben?
(Lacht) Das kann schon brutalst lang sein! Bei der Suche nach Braunbären in den finnischen Wäldern kann es schon mal vorkommen, dass Sie 30 Stunden (!) dort sitzen. Man sitzt dann dort in einem Unterstand, hat ein bisschen was zu trinken bei sich und möglichst nichts zu essen, da dies auch andere Begehrlichkeiten hervorrufen könnte bei den dich umgebenden Bären – sie riechen das nämlich prima.
Man sitzt dann quasi bis zum Knie im Morast eingesunken und hofft, dass auf der anderen Seite des Tümpels vielleicht mal ein Bär vorbei gelaufen kommt. Und wenn er das nicht tut, sitzt man da sehr lange; das kann passieren. Dann dämmert man so ein bisschen ein und dann ist es gut, wenn man zu zweit sitzt und immer nur einer dämmert – manchmal dämmern aber auch beide ein und die Bären führen ein Tänzchen in dem Moment auf, in dem die Fotografen laut schnarchen. Das gehört zum tierfotografischen Alltag dazu.
Wenn es nicht um Tiere geht, fahre ich an einen interessanten Punkt, sehe ihn mir an – und wenn das Licht nicht geeignet ist, fahre ich wieder weg. Es kann dann sein, dass ich ein Dutzend Mal an diesen Ort fahre, weil ich den Eindruck habe, dies ist ein super Winkel, das Licht passt hier, das will ich einfach haben – und bekomme es bisher einfach nicht!
Da kann man sich dann eine lange To-do-Liste vorstellen mit Wunschmotiven...
Ja, genau! Wenn ich mich z.B. mit einem Thema befasse wie einem bestimmten Wanderweg, dann gehe ich ihn an irgendeinem sonnigen Tag ab, meistens zu einer Jahreszeit, wo man eh’ nicht fotografieren kann – also März, April, wenn der Schnee weg, aber die Natur noch nicht grün ist.
Dann mache ich mir Notizen; auf jeden Fall mehr, als ich je abarbeiten kann, weil man weiß, dass nie alles funktioniert. Und dann gucke ich halt, was passt und was nicht passt. Ein paar Sachen will ich dann immer unbedingt haben, und dann kann es sein, dass man öfter dorthin gehen muss.
Wie lang ist Ihre Liste?
Für jedes nordische Land sind es sicherlich gut 200 bis 300 Punkte, die offen sind – und es sind dicke Notizbücher gefüllt mit Möglichkeiten.
Wie lange haben Sie an Ihrem Bildband Schweden gearbeitet?
Ungefähr ein dreiviertel Jahr. Da waren allerdings das Material und alle Geschichten bereits fertig. Die Kürze der Fertigstellung funktionierte allerdings nur, weil die Struktur des Buches der der Dia-Multivisionsschau folgt, die schon seit Jahren existiert. Während der Buchproduktion bin ich auch nicht in Schweden gewesen.
Welche Begegnung unterwegs hat Sie am meisten überrascht?
Überraschend war sicherlich auf Spitzbergen, wie dicht die Eisbären herankommen und wie neugierig und wenig scheu sie reagieren – aber auch wenig aggressiv: sie sind einfach interessiert an einem Lebewesen, das sie selbstbewusst und irgendwie auf Augenhöhe betrachten.
Das fand ich überraschend, weil ich den Eindruck hatte, dass im Gegensatz dazu die Braunbären in Finnland doch sehr deutlich ihr Selbstbewusstsein und die Eigenschaft, dass sie die Herren der Gegend seien, herauskehren und das durch ihre Körpersprache dem Besucher auch deutlich signalisieren.
Welche Erlebnisse waren unangenehm für Sie?
Besonders unangenehm finde ich, wenn ich eine Auftragsarbeit habe und merke, dass der Kunde will, dass ich absoluten Murks so fotografiere, dass es aussieht, als wäre das ganze wirklich schön.
Das kann z.B. in einem Hotel sein, das völlig herunter gekommen ist, wo kein Engagement bezüglich Sauberkeit und Kreativität zu erkennen ist – und dann gesagt wird: «Jetzt machen Sie mal super Fotos!» Und dann legen sie mir von irgendeinem anderen, engagierten Hotel einen tollen Prospekt vor und sagen «diese Fotos hätten wir gerne von unserer Kaschemme».
So etwas empfinde ich als sehr unangenehm und fast schon eine Zumutung; dann bin ich fast immer an der Grenze, mich zu weigern, das zu machen. Aber auf der anderen Seite brauche ich das Geld, um wieder was Schönes fotografieren zu können.
Welche der Klischees über Schweden halten sich nach Ihrer Beobachtung am hartnäckigsten?
Das Mückenthema bei Schweden-Erstbesuchern hält sich sehr hartnäckig. Sie sind dann sehr überrascht, wenn man ihnen mitteilt, dass die Mücken-Saison eher kurz ist. Wenn man bestimmte Gegenden und Monate meidet, hat man damit nicht mehr Probleme als in Deutschland.
Als «Daumenwert» kann man sagen: je nördlicher, desto kürzer – im Durchschnitt geht die Mückenzeit auf jeden Fall von Mittsommer bis Anfang August, im Süden bereits ab Mai bis Mitte August, während es oben in Lappland auf den Juli beschränkt ist.
Und es gibt den vermeintlichen Umstand, dass Schweden immer völlig betrunken seien, sobald irgendeine Zusammenkunft stattfindet.
Da kann ich nur sagen: beides bestätigt sich nicht, beides sind Vorurteile; wenn ich an ein deutsches Schützenfest denke, dann erlebe ich dort viel mehr Ausfälle wie angepöbelt zu werden oder andere merkwürdige Dinge als in Skandinavien, wo ich den Eindruck habe: die Leute ziehen sich noch früh genug nach Hause zurück, bevor sie sich endgültig die Kante geben. In dieser Hinsicht ist mir noch nie etwas Negatives aufgefallen.
Wann dürfen Ihre Leser und Fans mit Ihrem nächsten Werk rechnen?
Das nächste nordische Thema wird ein neues Norwegen-Buch sein, das in Fotos anhand charakteristischer Regionen und ausgewählter Biographien zeigt, wie sich das Leben der Menschen in den letzten 50 Jahren verändert hat.




